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21. Tagung der Einbandforscher in Coburg, Oktober 2016

Schloss Ehrenburg in Coburg war einst die Stadtresidenz der Herzöge von Sachsen aus der ernestinischen
Linie. Viele der historischen Räume werden heute von der Landesbibliothek Coburg genutzt. Im prachtvollen
Andromeda-Saal and die 21. Jahrestagung des Arbeitskreises für die Erfassung, Erschließung und Erhaltung
Historischer Bucheinbände (AEB) statt. Sie wurde am Abend des 27. Oktober 2016 mit etwa 80 Teilnehmern
aus dem In- und Ausland eröffnet, Fachleuten aus den Bereichen Bibliothek, Archiv, Bibliophilie, Kunstgeschichte,
Buchbinderei und Restaurierung. Anlässlich der Tagung wurde im Silbersaal die Ausstellung „Herr, erhalte
mich bei Deinem Wort: Dynastie und Konfession auf ernestinischen Fürsteneinbänden“ gezeigt. Eindrucksvolle
und bemerkenswerte Handeinbände, die im Laufe von Jahrhunderten nach Coburg gekommen
waren, wurden hier erstmals öffentlich präsentiert. Die hierzu erschienene farbig bebilderte „Handreichung“
für die Tagungsteilnehmer, erarbeitet von Mitgliedern der Geschäftsführung des AEB, war Bestandteil
der Tagungsunterlagen.
 

© A. Pabel

Silvia Pfister, die Direktorin der Landesbibliothek Coburg, ging nach der Begrüßung der Teilnehmer auf die
geschichtlichen Hintergründe Coburgs ein.
Anschließend übereichte Andreas Wittenberg (Berlin), der Sprecher des AEB, einen von der Einbandgestalterin
Claudia Richter (Halle/S.) eigens angefertigten Handeinband. Der Dedikationseinband umschließt ein Exemplar
von Heft 37 (Oktober 2015) der Zeitschrift Einbandforschung. Es ist ein mit hellgrünem Papier überzogener
Pappband mit linear strukturierter Reliefunterlegung auf Vorder- und Rückdeckel und gleichartig gestaltetem
Schuber. Das Vorsatzpapier ist mit Druckfarbe schabloniert. Helma Schaefer (Leipzig) beschreibt den Einband
in Heft 39, das zur Tagung erschien und Bestandteil der Unterlagen für die Teilnehmer war. Mit der alljährlichen
Auftragsvergabe für einen Handeinband möchte der AEB dazu beitragen, das moderne künstlerische Einbandschaffen
besser bekannt zu machen. Abbildungen des neuen Dedikationsbandes sind, neben Abbildungen in der
Mitgliederzeitschrift, auch auf Homepage des AEB zu sehen.

Dedikationsband Einband Claudia Richter, Halle
Einband Forschung AEB, 36. Heft, April 2015
Pappband mit angesetzten Deckeln und Relief auf Vorderund Rückdeckel
Vorsatz mit Druckfarbe schabloniert, Prägung mit Echtgoldfolie auf Rücken,
Kassette, 21 x 30 cm
Foto © C. Richter

Der Freitag begann mit dem Vortrag von Holger Nickel (Berlin): „20 Jahre Schwenke-Schunke - und
wie weiter?“ Für die Einbandforschung gab es bis zur Etablierung der Einbanddatenbank (EBDB) im
Jahr 2001 kein einheitliches Stempelrepertorium. Dessen Aufgabe soll die Katalogisierung heterogener
Materialien sein, wofür möglichst zahlreiche Einzelexemplare erfasst und in die EBDB eingetragen
werden müssen., womit bisher fast ausschließlich deutsche Großbibliotheken befasst waren. Mittlerweile
enthält die EBDB 7800  Werkstätten, wobei man mit zahlreichen Doppelbelegungen  rechnen muss.
Diese sollen sukzessive zusammengeführt werden. Publikationen in der Zeitschrift der Einbandforschung
dienen der Verbreitung von Erkenntnissen einzelner Werkstätten und der Zusammenführung von
Doppelbelegungen in der Datenbank.
Der anschließende Vortrag von Beatrix Koll (Salzburg) behandelte Salzburger Einbände des 15. Jahrhunderts
in Nachfolge Ulrich Schreiers. In den Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Salzburg befinden
sich zahlreiche Handschriften und Inkunabeln aus der Hofbibliothek des Salzburger Fürsterzbischofs
Bernhard von Rohr (1466-1481). Er war der wichtigste Auftraggeber des Buchkünstlers
Ulrich Schreier (1430–1490). Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht nur Bücher illuminierte,
sondern auch prachtvolle Einbände verfertigte und somit das Buch als Gesamtkunstwerk verstand.

Anschließend nahm das Gros der Teilnehmer die Gelegenheit zu einer Führung durch die Veste
Coburg wahr. Diese, eine der größten Burganlagen Deutschlands, fiel 1353 an das Haus Wettin
und wurde zur Landesfestung ausgebaut. Im 19. Jahrhundert wurde die Architektur im Stil der
Neugotik umgestaltet. Heute befinden sich dort die umfangreichen Kunstsammlungen.
Besichtigt werden können auch die Räume, in denen Martin Luther 1530 mehrere Monate
während des Reichstags in Augsburg wohnte, an dem er als Geächteter nicht teilnehmen konnte.
Am Freitagnachmittag konnten sich die Teilnehmer auf verschiedene Workshops verteilen:

Technik und Material von Bucheinbänden anhand praktischer Beispiele, geleitet von Dag-Ernst Petersen
(Wolfenbüttel) stand aufgrund der starken Nachfrage erneut auf dem Programm. 12 Teilnehmer
arbeiteten jeweils zu zweit an ausgesuchten Hand- und Verlagseinbänden des 19. Jahrhunderts,
dieses Mal aus dem Bestand der Landesbibliothek Coburg. Das Spannende bei diesem Workshop
ist, dass die Exponate nicht nur den Teilnehmern, sondern auch dem Kursleiter vorher nicht
bekannt sind und alle somit unbefangen an die Auswertung gehen können.

Rautenförmig punzierter Goldschnitt
Einband für Herzog Friedrich Wilhelm I. von Sachsen-Weimar (1562-1602), 1598 oder später, unbekannter Buchbinder, Torgau
Reisch, Gregor: Margarita philosophica. Rationalis, Moralis philosophiae principia, duodecim libris dialogice co[m]plectens
Basel, Resch, 1534.
Landesbibliothek Coburg, Cas A 432
(40) Bl., 1498 (i.e. 1488) S., (4) Bl.
© A. Pabel

Silvia Pfister führte eine Gruppe durch die Magazine der Landesbibliothek in den historischen Räumen
von Schloss Ehrenburg. Weitere Teilnehmer besichtigten das Staatsarchiv Coburg, das sich im ehemaligen
Zeughaus aus dem 17. Jahrhundert befindet.

Stefanie Knöll und der Restaurator Wolfgang Schwahn zeigten im Kupferstichkabinett der Kunstsammlungen
der Veste Coburg ausgewählte Original- und Druckgraphik. Besonders interessant und sonst selten
dargeboten war die Demonstration historischer Aufbewahrungsformen für Graphik in Schachteln
und Mappen, die oft mit handwerklich hergestelltem Buntpapier bezogen sind.

Matthias Schäferhoff OCist (Stift Heiligenkreuz) eröffnete den Samstag mit Schriftlichkeit und
Buchproduktion in Zisterzienserklöstern am Beispiel des Stiftes Heiligenkreuz. Der Zisterzienserorden
(„Die grauen Mönche“) wurde als Reformorden der Benediktiner im Jahr 1098 von Bernhard von Clairvaux
gegründet. Gemäß der benediktinischen Ordensregel „Ora et labora et lege“ – Bete, arbeite und lies!
gehören bestimmte liturgische Bücher zur Grundausstattung jedes Klosters. Bücher durften nur im Kloster
gebunden werden. So hatte auch das seit 1133 ununterbrochen bestehende Stift Heiligenkreuz bei Wien
bis ins 18. Jahrhundert eine eigene Buchbinderei. Diese wurde 1975 reaktiviert. In diesem Umfang einmalig
ist ihr Bestand von 3600 historischen Metallstempeln (Rollen, Fileten und Einzelstempel) für die
Handvergoldung. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert auch Buchumschläge. Über diese wenig
bekannte Sammlung sprach Roland Stark (Marbach) in seinem Referat: Jan Tschichold als Sonderfall in
den Beständen des Deutschen Literaturarchivs zu Einbänden und Schutzumschlägen. 60.000 Umschläge
sind separat alphabetisch magaziniert, jedoch noch nicht wissenschaftlich bearbeitet.
Buchumschläge bzw. ihre Entwürfe befinden sich außerdem in großer Zahl in geschlossenen Sammlungen,
z.B. der des Mannheimer Buchhändlers Curt Tillmann, und Verlagsarchiven, etwa des S. Fischer- und
Insel-Verlags, für den auch der Schriftgestalter Jan Tschichold (1902-1974) tätig war.

Den abschließenden Vortrag der Tagung „In wie weit meiner Erfindung einiger Verdienst zukomme …“
Der Würzburger Buchbinder Sebastian Vierheilig (1762-1805) hielt Angelika Pabel (Würzburg).
Sebastian Vierheilig stammte aus eine Familie von Würzburger Universitätsbuchbindern. Nach
Lehrjahren bei seinem Vater Jacob verbrachte er als Geselle die vorgeschriebene Wanderzeit.
Über deren Stationen konnten bisher keine archivalischen Belege gefunden werden, jedoch
ist ein Aufenthalt in Wien sehr wahrscheinlich. Nach seiner Rückkehr nach Würzburg in den
1780er Jahren arbeitete Sebastian Vierheilig bei der Herstellung traditioneller, teils recht prächtiger
Einbände in der Werkstatt seines Vaters mit. Nach dessen Tod 1793 erhielt er seine Stelle als
Universitätsbuchbinder und begann nun innovative Techniken, die ihm während der Wanderschaft
bekannt geworden waren, in die Einbandgestaltung einzuführen. So setzte er den neuerdings
in England aufgekommenen „Etruscan Style“ mit klassizistischem Dekor um. Sebastian Vierheilig
entwickelte dazu eine – geheim gehaltene – Technik der Deckelverzierung mit Figuren und Szenen
aus der klassischen Mythologie, die als Radierung oder direkte Zeichnung auf das vorbehandelte
Leder gebracht wurden. Auch praktizierte er als erster Buchbinder in Deutschland das „Fore-Edge
Painting“, die Bemalung des verschobenen Buchschnitts. Bisher sind nur wenige dieser Einbände
bekannt, obwohl Vierheilig einen großen Kundenkreis im In- und Ausland belieferte. Aufgrund
der von ihm angewandten und zur Vollendung weiterentwickelten innovativen Technik der
Einbandgestaltung nimmt er um das Jahr 1800 eine herausragende Stellung als deutscher
Buchbinder ein. Am Nachmittag führte eine Exkursion nach Schleusingen ins Naturhistorische
Museum Schloss Bertholdsburg zur Sonderausstellung Verborgene Schätze der Hennebergischen
Gymnasialbibliothek: Handschriften, Früher Buchdruck und Leichenpredigten. Dabei durften
die  Bestände in den historischen Magazinen besichtigt werden. Am Schluss der 21. Einbandtagung
erfolgte die Einladung für die nächste, die vom 12. - 14. Oktober 2017 in der Universitätsbibliothek
Augsburg stattfinden wird. Das Programm wird rechtzeitig auf der Homepage des AEB bekannt gegeben.

Bericht von Angelika Pabel
Arbeitskreis für die Erfassung, Erschließung und Erhaltung Historischer Bucheinbände (AEB)
angelika.pabel@alumni.uni-wuerzburg.de

Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter,
auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit die männliche Form steht.